Gespräch am Rio La Pasión

Bei der Wahl unserer Schlafstelle haben wir ein wahrhaft glückliches Händchen, sind doch die Archäologen, die sich hier einen Hängemattenplatz gebaut haben, zur Zeit nicht vor Ort. Das Wort „idyllisch“ lässt nur wage erahnen, welch exklusiven Lagerplatz wir hoch über dem Ufer des Rio La Pasión hier im Dschungel von Nordguatemala vorfinden. Wir nutzen die Abendstunden am Feuer für Gespräche über unsere Fachartikel des vergangenen Jahres.

„Sag mal Mario, deine Mitarbeit an unseren gemeinsamen Projekten hat spürbar nachgelassen, stimmt’s?“ „Leider Jens, die Umstände haben sich geändert. Mein Fokus richtet sich wieder auf meine Arbeit als Lehrer oder, und das ist jetzt neu, als Coach für Digitales.“ Jens wundert sich etwas. „Du hattest doch die Schnauze voll, wolltest nur noch das Nötigste machen.“

„Richtig, Jens, das hatte sich so eingespielt. Nachdem lokalpolitische Entscheidungen zur Schließung meines Hogwarts geführt hatten, lief vieles arbeitstechnisch sehr unbefriedigend.“ Jens versucht die Ereignisse nachzuvollziehen. „Du hattest so etwas wie Erfüllung mit Familie, Hausausbau und Dorfschullehrerdasein und der Möglichkeit, Mathematik, Physik, Informatik und sogar Astronomie bis zum 13. Jahrgang unterrichten zu können. Und über die Astronomie hat sich deine Begeisterung für die Maya entfachen lassen. Ist doch perfekt!“

„Es war nicht mehr dasselbe in der großen Lernfabrik der Stadt. Also folgte ich dem Ruf des Landes, als Informatiker Zukunft zu gestalten.“ Mario nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. Jens nutzt die kleine Pause. „Das war doch das Beste, was dir passieren konnte. Noch vor dem Studium hast du unser Kalenderprogramm und einiges mehr geschrieben. Und dann war fast jedes Studienfachprojekt von dir ein Geoinformatik- oder Astronomieprogramm. Hat uns super geholfen. Prost!“

Es entbrennt ein Lärm, der fast glauben lässt, dass die Zikaden an dieser Stelle applaudieren wollten. Die Dschungelgeräusche bereichern im Allgemeinen das tolle Ambiente. Sehr früh am Morgen werden es wieder viele laute Vögel sein, die uns ermahnen, nicht die angenehmsten Stunden des Tages zu verpassen, bevor es sehr heiß wird. Vorausgesetzt, dass man in der Nacht nicht als Beute eines auf Jagdtour befindlichen Jaguars endet. Letzteres ist zwar ziemlich unwahrscheinlich würde aber eher Mario als Jens betreffen. Banale Erklärung: Der deutlich größere Jens hängt seinen Schlafplatz etwas höher auf.

„Nach dem Genuss der ganzen Bandbreite von sehr guten bis zu grottenschlechten Vorlesungen war ich bereit zur Veränderung der Welt, besser gesagt des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Plötzlich und völlig unerwartet stand ich aber dem größten Feind meines Lebens direkt Auge in Auge gegenüber – den Wächtern des steifen, gegenüber Angriffen von Veränderung unüberwindbaren Bollwerks deutschen Amtsbetriebs.“

„Haha, jetzt ist mir klar, warum du immer ins Mayaland flüchten wolltest! Ich kann mir gut vorstellen, wie du in solch ein System hineinpasst.“ Jens spielt mit seiner Flasche und erinnert sich: „Du hast ja schon im Lehrerstudium gemacht, was du wolltest.“ Mario entgegnet stolz: „Wie können vier Fächer in das Lehramtsstudium für Gymnasien hineinpassen? Gar nicht, wenn man dem normalen Trott der Vorlesungen und Seminare folgt. Wohl aber, wenn man selbstorganisierte, persönliche Fach-Challenges mit eigenen Zielen und eigenen Projekten mit Spaß und Erfolg besteht.“

Und Jens führt dazu passend fort: „Und wie lernt man die Mayahieroglyphen besser lesen, als sie immer wieder zu zeichnen.“ „Davor war man vor Betreten deines Wohnheimzimmers gewarnt – mit Hieroglyphen an der Zimmertür! Meine Berechnungen haben nicht an die Zimmertür gepasst. Die Wirkung wäre auf die Anderen wahrscheinlich ähnlich wie bei deinen Zeichnungen gewesen.“ „Gab es überhaupt jemanden, der dein Rechenzeug gelesen hat?“ will Jens wissen. Mario zögert. „Es war für mich, es war mein Zugang zu abstrakteren Modellen.“ „Nenne mal ein Beispiel!“, fordert Jens. Mario überlegt und stellt eine Aufgabe: „Es muss doch möglich sein, mit dem Energieerhaltungssatz als Ansatz das Keplerproblem zu lösen, d. h. die elliptischen Bahnkurven der Planeten herzuleiten!“ Jens provoziert: „Wo ist das Problem?“ „Im Bewältigen riesiger Integralkonstrukte … Egal, vielleicht beeindruckt dich das eher: Die Invarianz der relativistischen Klein-Gordon-(Schrödinger-)Gleichung gegenüber lokalen Symmetrieoperationen muss gezeigt werden.“ „Das klingt gefählich!“

Inzwischen ist die Sonne untergegangen. Zu den angenehmsten Tagestätigkeiten gehört das Duschen, um den Körper etwas abzukühlen. Hier in der antiken Mayastadt gibt es natürlich nur soviel Komfort, wie die Erbauer des Archäologencamps etabliert haben. Aber Trockentoilette und Gießkannendusche erfüllen ihren Zweck ganz gut. Zudem muss man im Dunkeln stets eine gute Stirnlampe bei sich haben und den Schlafplatz durch ein Moskitonetz schützen. Eine der beeindruckendsten Mayalanderfahrungen ist der Blick auf einen wundervollen Sternenhimmel mit viel mehr Sternen, als wir zu Hause sehen können. Sterne zu zählen, wäre schlecht möglich.  

„Wir waren bei den Beamten stehengeblieben.“ führt Jens das Gespräch fort. Das reicht, um Mario selbst in diesem Paradies Frustfalten auf die Stirn zu zaubern. "Erbsenzähler und fachkompetenzarme Autoritäten als Vorgesetzte sind nicht förderlich für freie Entfaltung. Nicht verstanden zu werden ist noch hinnehmbar, in gewisse Bahnen hineindiszipliniert zu werden ist dagegen schon weitaus unangenehmer. Der Amtsalltag ist durchaus geprägt von Fleiß der meisten Amtsmitwirkenden. Jeder hat seine streng definierte Zuständigkeit und vor allem seinen Platz in der Hierarchie. Daraus resultieren die Situationen der verordneten Unterwürfigkeit im System, mitunter die Nötigung zum Unsinn.“

Jens versucht zu beruhigen: „Nun übertreibe mal nicht. Wie soll ich mir das denn vorstellen?“ Eine typische Situation ist von Mario schnell gefunden: „Wenn du etwa von der Chefin mit der wichtigen Aufgabe des Ausbauens alter Festplatten betraut wurdest, bestand die Herausforderung höchstens im zum Zwecke des Dokumentierens erforderlichen Auffinden der mikrokleinen Seriennummern. Ein perfektes Symbol für das Kleinkarierte dieser Umgebung! Es ist vor allem verpönt, selbst Aufgaben zu sehen und eigenständig Lösungen zu erarbeiten und damit die Kontrolle zu unterlaufen.“

„Au, Mist! Dummes Vieh!“ Mario wundert sich: „Jetzt bist du aber der Übertreiber, Jens! Auch wenn ich mich sehr geärgert habe, solche Sprüche sind mir nicht in den Sinn gekommen.“ „Mario, du Depp, mich hat etwas gestochen!.“ Der lachende Mario vermutet "Ein Riesenmoskito, so groß wie ein Flugsaurier, oder?“. Über die Antwort „Tengo una ormiga en mi pantalones.“ müssen nun beide herzhaft lachen. „Und übrigens“, ergänzt Mario „hatte ich auch tolle Softwareprojekte im Amt und im Ministerium. Traurig war nur, dass aus unterschiedlichsten Gründen das Vorankommen oder gar das Fertigwerden superschwierig war. Die Entscheider waren informationstechnisch-strategisch nicht die hellsten oder schnellsten Köpfe in diesem sich selbst lähmenden System.

Wir haben nichts mehr zu trinken. In der Tat ist selbst Trinkwasser Mangelware im Dschungel. Man muss Wasser abkochen, mit Chlor behandeln oder so agieren wie wir es tun. In der Not lässt sich das in Regentonnen befindliche Wasser durch Zugabe einer angemessenen Menge guten Rums desinfizieren. Die passende Nebenwirkung der Ermüdung tritt dann auch recht schnell ein.

Die letzten Worte, in der Hängematte liegend ausgetauscht, klären die anfangs aufgeworfene Frage nach Verschlechterung der Mitarbeit an Mayaprojekten: „Ich konnte solcherart Beschränkungen nur kompensieren, indem ich im Hobbybereich meinen Kreativ- und Forscherdrang auslebte. Die zahlreiche Veröffentlichungen auf den internationalen Fachportalen, die Bücher und natürlich die einschlägigen Softwareprodukte verschafften Anerkennung und Erfüllung. Jedoch reflektierte ich mit zunehmendem Alter den Irrsinn, meine Arbeitszeit im überholten Korsett zu vergeuden. Oder kurz gesagt, es hat gereicht!“

Jens ergänzt: „Und deshalb wähltest du nun den Weg der maximal möglichen Freiheit. Kündigung …“ „Richtig, Jens. Es gibt viele gute Ansätze, auch bei uns in Deutschland. Man muss nur genau hinschauen, wo zeitgemäße Ideen, Techniken und vor allem Strategien zur Anwendung kommen. Es gibt so etwas wie Aufbruchstimmung, angemessene Mindsets sowie Motivation und Mut zur Veränderung.“

„Nun habe ich zum Ziel erklärt meinen Beitrag zur Bildung zu leisten, der der Art und Weise, wie ich Bildung genießen durfte, sehr nahe kommt: hochgradig selbstmotiviert und möglichst individuell hinsichtlich der konkreten Vertiefungen oder der praktischen Anwendungen. Daraus resultiert meine Lust auf das Coaching, insbesondere für Lehrkräfte und Führungskräfte zum Zwecke der „Persönlichkeitsentfaltung mit DigiMitteln“.

„Eine neue Leidenschaft fordert deine Energie.“ „Gewissermaßen, Jens.“ Nach einer Redepause, die sich sehr lang anfühlte, wurde das letzte Statements dieses aufregenden Abends geäußert: „Jens, eines ist klar, ein Teil von mir wird immer im Mayaland sein. Doch jetzt ist meine Mission in Deutschland das Mitwirken an der Etablierung zeitgemäßer Bildung. Beide Welten haben etwas gemeinsam: Der Weg ist das Ziel!